ACHTUNG, KINDERPERSPEKTIVEN!

Im Rahmen eines Praxisforschungsprojekts der Bertelsmann Stiftung hat das DESI – Institut für Demokratische Entwicklung und Soziale Integration unter der wissenschaftlichen Leitung von Prof. Dr. Iris Nentwig-Gesemann (Freie Universität Bozen) untersucht, wie Kinder ihren Alltag in Bildungseinrichtungen wahrnehmen und erleben.

 

Seit 2020 verbindet uns mit Prof. Dr. Iris Nentwig-Gesemann und Bastian Walther vom Institut für Demokratische Entwicklung und Soziale Integration eine vertrauensvolle und inspirierende Zusammenarbeit. Durch einen kontinuierlichen Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis schaffen wir eine enge Verzahnung der beiden Bereiche, damit der Kinderperspektivenansatz direkt bei den Kindern ankommt und ihre Perspektiven - ihre Ideen, Meinungen, Erfahrungen und Relevanzen von Fachkräften ernst genommen werden.

ICH HABE EINE IDEE! Hörst du mir zu?

Kinder haben das Recht, sich in allen Angelegenheiten, die sie betreffen, zu äußern. Dieses Grundrecht auf Gehör und Mitbeteiligung, verankert in der UN-Kinderrechtskonvention, ist weit mehr als ein pädagogisches Ideal – es ist ein professioneller Auftrag.

 

Wer Qualität in der frühkindlichen Bildung weiterentwickeln will, muss auch die Sichtweisen der Kinder systematisch einbeziehen. Nicht stellvertretend, nicht symbolisch – sondern aktiv. Kinder sind Expert:innen ihres Alltags: Sie kennen ihre Lieblingsplätze, wissen, was sie brauchen, um sich wohlzufühlen, und wo sie echte Teilhabe erfahren – oder vermissen.

 

Der Kinderperspektivenansatz von Prof. Dr. Iris Nentwig-Gesemann und Bastian Walther bietet einen theoretisch fundierten und praxisnahen Rahmen, um kindliche Erfahrungen, Ausdrucksformen und Sichtweisen methodisch zugänglich zu machen. Dabei geht es nicht nur um Sprache: Auch Körpersprache, Spielhandlungen oder Zeichnungen können Ausdruck bedeutsamer Erfahrungen sein – und benötigen professionelle Beachtung.

 

Gute Qualität entsteht nicht allein, wenn Erwachsene glauben, die Bedürfnisse der Kinder zu kennen. Sie entsteht dann, wenn wir gemeinsam mit Kindern, dem Team und den Eltern in einen echten Dialog treten. Diese Haltung verändert nicht nur den Blick auf Kinder – sie transformiert die gesamte Institution. So wird Partizipation zu einer gelebten, spürbaren Qualitätsdimension.

 

Nentwig-Gesemann, Iris; Walther, Bastian; Bakels, Elena & Munk, Lisa-Marie (2021): Kinder als Akteure in Qualitätsentwicklung und Forschung. Eine rekonstruktive Studie zu KiTa-Qualität aus der Perspektive von Kindern. Gütersloh: Bertelsmann Stiftung. 

Der Kinderperspektivenansatz

Prof. Dr. Iris Nentwig-Gesemann, Bastian Walther und ihr Forschungsteam wählten einen innovativen Forschungsansatz, der sich dadurch auszeichnet, dass die Kinder von Beginn an als teilhabende Mitgestalter: innen im Forschungsfeld aktiv miteinbezogen wurden.

 

Dazu wurden zwölf Erhebungsmethoden (weiter-)entwickelt, die den Kindern ermöglichen, ihre Erfahrungen und Erlebnisse in den Bildungseinrichtungen zu teilen. In diesem spannenden Projekt haben rund 200 Kinder im Alter von vier bis sechs Jahren aus 13 verschiedenen Kindertagesstätten deutschlandweit mitgewirkt.

 

Schlüssel zu den Erfahrungen und Perspektiven der Kinder 

Im Zentrum des Kinderperspektivenansatzes steht die Dokumentarische Methode nach Ralf Bohnsack. Die dokumentarische Kindheits-/ Kinderperspektivenforschung richtet den Blick auf die gemeinsamen Erfahrungen von Kindern, ihre handlungsleitenden Orientierungen und Praktiken sowie die Erfahrungsräume, in denen sie sich bewegen.

Der KPA ist ein praxisforschender Zugang, der Kinder als Expert:innen ihres Alltags ernst nimmt. Auf Grundlage einer kinderrechtsbasierten Haltung stärkt er die partizipative Zusammenarbeit mit Kindern und rückt ihre Perspektiven, Erfahrungen und Sichtweisen ins Zentrum pädagogischer Reflexion und Entwicklung.

Der KPA basiert auf praxeologischer Forschung und macht sichtbar, was Qualität aus Sicht von Kindern bedeutet. Er liefert Impulse für die Forschung mit Kindern und unterstützt die Professionalisierung frühpädagogischer Fachkräfte.

Fachkräfte erhalten mit dem KPA praxiserprobte, alltagsnahe Methoden,   um die Themen, Interessen und Einschätzungen von Kindern sichtbar zu machen – und diese systematisch in Prozesse der Qualitätsentwicklung einzubinden. So wird Partizipation nicht nur ermöglicht, sondern wirksam gestaltet.

Wie bereichert der Kinderperspektivenansatz unser Verständnis von Kindheit?

Initiiert aufmerksames, entdeckendes Beobachten von Kindern

Motiviert und macht Freude, zusammen mit den Kindern auf Forschungsreise zu gehen

Sichert das Recht von Kindern auf Gehör und Beteiligung

ZUHÖREN . VERSTEHEN . MITGESTALTEN

In der praktischen Anwendung des KPA werden verschiedene Methoden verwendet, um die Perspektiven der Kinder zu erfassen und in den Qualitätsentwicklungsprozess einzubinden. Dazu gehören u.a.: 

  • teilnehmende und videobasierte Beobachtungen,
  • Bilderbuchbetrachtungen, 
  • Mal-Interviews und Gruppendiskussionen mit den Kindern 
  • Beschwerdemauer 
  • Ein schöner verrückter Tag
  • Sozialraumerkundungen
  • Kinder fotografieren ihre Einrichtung

Diese Methodenvielfalt ermöglicht den Fachkräften, gemeinsam mit den Kindern auf Forschungsreise zu gehen und die impliziten Erfahrungen der Kinder zu verstehen und diese wiederum in die Gestaltung von Bildungsprozessen einzubeziehen. 

Durch die kinderrechtlich basierte, partizipative pädagogische Haltung erfahren Kinder, dass ihre Stimme/ ihr Ausdruck gehört, gesehen und ernst genommen wird, und im pädagogischen Alltagsgeschehen auch Bedeutung hat.

 

Dadurch können  sie u.a. Selbstbewusstsein, Verantwortungsgefühl und soziale Kompetenzen entwickeln und gleichzeitig kann die Qualität der Einrichtung durch die Miteinbindung der Sichtweisen der Kinder weiterwachsen. 

 

Wichtige Leitfragen dabei sind:

  • Was sind die Lieblingsorte/-materialien der Kinder?
  • Wie nehmen die Kinder die aktuellen Abläufe/ Räume wahr? 
  • Wie sprechen Kinder über das Miteinander, was sind ihre aktuellen Themen und Anliegen? 
  • Welche Phasen des Tages / Räume / Situationen nehmen die Kinder als anstrengend/ ungerecht/ unzureichend wahr? 
  • Wie und worüber beschweren sie sich?

Der KPA bezieht nicht nur verbale Äußerungen, sondern auch nonverbale Ausdrucksformen der Kinder ein. Dazu zählen:

  • Körpersprache – wie Kinder sich bewegen, reagieren oder miteinander interagieren
  • Symbolische Sprache - Kreative Ausdrucksformen – Zeichnungen, Fotografien, Rollenspiele und andere Formen des Ausdrucks
  • Spiel-Handlungen – Themen und Erfahrungsräume die sie in ihrem Spiel/ Tun ausdrücken

Durch das gemeinsame Erkunden der Sichtweisen der Kinder wird sichtbar, was sie bewegt, interessiert und ihnen wichtig ist, und die pädagogische Arbeit kann authentisch an ihren Erfahrungen ausgerichtet werden.

“Demnach gehört es zu den selbstverständlichen Rechten von Kindern, als Qualitätsexpert:innen in eigener Sache einbezogen zu werden.”

Prof. Dr. Iris Nentwig-Gesemann

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